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Fünf Männer, sechs Tage helfen

Mario Theiß und vier Kollegen waren eine Woche im Ahrtal – um Betroffenen der Flutkatastrophe zu helfen.

Er wusste zwar schon, was ihn erwartet, aber erschütternd war es trotzdem: „Im Ahrtal sieht es immer noch fürchterlich aus. Die Flut hat im Tal große Schäden angerichtet, und es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis das behoben ist“, sagt Mario Theiß. Zusammen mit vier weiteren Kollegen war der Betriebselektriker von Schunk Kohlenstofftechnik im Oktober im Ahrtal, um Betroffenen der Flutkatastrophe zu helfen.

Kontakte ins Ahrtal gab es schon vorher: Zum Teil hatten die Fünf schon über die Feuerwehr Hüttenberg und die „Tour der Hoffnung“ im Ahrtal geholfen. „Als wir das gesehen haben, war uns klar: Wir müssen noch mehr tun“, sagt Theiß zurückblickend. „Wir“, das sind – neben Mario Theiß – Lukas Gerlach, Markus Herr und Jan-Simon Schmidt vom Standort Heuchelheim sowie Julian Wagner vom Standort Reiskirchen. Alle außer Markus Herr gelernte Elektriker. Zusammen wollten sie ihr handwerkliches Können einbringen, um Betroffenen zu helfen.

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Überall im Ahrtal sind noch die Spuren der Flut zu sehen.

Elektrik im Wert von 20.000 Euro

Über den Einsatz mit der Feuerwehr hatten sie auch einen direkten Ansprechpartner vor Ort kennengelernt. Der konnte ihnen genau sagen, wer welche Hilfe braucht. Und vor allem: Welches Material genau benötigt wird. So konnten die fünf Männer vorab alles einkaufen, was gebraucht wurde. Der Elektrogroßhändler Uni Elektro in Linden hat sofort angeboten, das Material zu seinem Einkaufspreis zur Verfügung zu stellen. Über Spenden konnten so Waren im Wert von 20.000 Euro angeschafft werden. Und auch Schunk half mit: Über eine Spende von 3.500 Euro und indem die Fünf für eine Woche freigestellt wurden – per Bildungsurlaub mit voller Bezahlung. Unmittelbar nach der Flut hatte Schunk bereits 250.000 Euro als Soforthilfe gespendet.

Praktisch: Vier der fünf Handwerker haben noch ein Nebengewerbe angemeldet und dadurch alles an Werkzeug parat, was vor Ort gebraucht wurde. Mit drei Transportern, vollgepackt mit Equipment wie Kabel, Heizlüftern und Installationsmaterial, machten sie sich an einem Sonntag auf den Weg.

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Ohne ehrenamtliche Helfer geht es nicht im Ahrtal.

Ohne Ehrenamtliche geht es nicht

Am Montagmorgen ging es gleich los zum ersten Einsatz im Örtchen Eicherscheid, wo das Hochwasser der Ahr eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. „Das war schockierend, da ist nichts, da hilft auch keiner außer den Ehrenämtlern“, erinnert sich Theiß, der am Standort Heuchelheim im Betriebsrat aktiv ist. THW und Rotes Kreuz, die unmittelbar nach der Flutkatastrophe im Juli die Notversorgung übernommen hatten, waren schon lange wieder weg. Die Katastrophe war vorbei, die Not von vielen aber geblieben. Jetzt ist es vor allem an Ehrenamtlichen, den Menschen in der Region zu helfen.

An drei Baustellen packten die fünf Männer an, darunter das Haus von einer Familie in Eicherscheid. Der Vater und die hochschwangere Mutter konnten sich mit ihren beiden Kindern, davon eins mit Behinderung, rechtzeitig vor der Flut in Sicherheit bringen. Das dritte Kind ist mittlerweile geboren. Aber die Elektrik des Hauses war vom Wasser zerstört.

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Lukas Gerlach verlegt neue Leitungen in einem Haus in Eicherscheid.

Überall fehlen die Handwerker

„Wer versichert war, dem helfen die Handwerker in der Region zuerst. Aber wer nicht versichert war, vielleicht auch weil das nicht möglich war, für den haben die Handwerker hier erst mal keine Zeit, der ist auf Hilfe von außerhalb angewiesen“, erklärt Theiß das Problem vieler Betroffener. „Und wenn die keine Hilfe von weiter weg bekommen, sind die in zehn Jahren noch nicht fertig.“ Es gibt einfach nicht genug Handwerker in der Gegend für die viele Arbeit.

Nach drei Tagen – mit Übernachtung in einer Unterkunft ohne Heizung und Warmwasser, zum Duschen ging es ins Fitnessstudio – zogen die fünf Helfer weiter nach Schuld, das von der Flut besonders schwer getroffen worden war. Allein hier sind 300 Häuser zerstört worden, der Wasserpegel stand bei 4,80 Metern.

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Julian Wagner arbeitet an einem neuen Verteilerschrank für Isa und Thomas.

Von Fluten überrascht

Die Familie von Thomas und Isa wurde in der Nacht von den Fluten überrascht, sie konnten erst am nächsten Tag gerettet werden. Ihr Haus blieb zwar stehen, anders als viele andere in dem Ort. Doch der Keller stand voll mit Wasser. „Dann muss die gesamte Elektrik neu“, erläutert Theiß. Auch in Stockwerk darüber – denn das Wasser kann durch die Kapillarwirkung in den Kabeln nach oben steigen. So eine Installation kostet schnell Zwanzig- bis dreißigtausend Euro. Zu viel Geld für viele der Betroffenen. Für Thomas und Isa haben die Handwerker von Schunk die Hauselektrik von Grund auf neu aufgebaut. Wenn ihnen zwischendurch doch mal ein Bauteil fehlte, dann brachte es der örtliche Elektriker vorbei – kostenlos.

Im Grunde könnte Thomas auch selbst mit anpacken: Er ist vom Fach, arbeitet beim einem Tiefbauunternehmen in der Region. Doch das hat jetzt alle Hände voll zu tun. „Der arme Kerl ist an sechs Tagen die Woche von morgens früh bis abends spät unterwegs, um die Infrastruktur im Ahrtal wieder ans Laufen zu bekommen und anderen Leuten zu helfen“, sagt Theiß. „Für seine eigene Familie und sein eigenes Haus bleibt da kaum Zeit übrig.“

 

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70 Arbeitsstunden in sechs Tagen: Da muss auch mal eine kurze Pause sein. Von links: Lukas Gerlach, Jan-Simon Schmidt und Markus Herr.

Die Kinder hatten Angst zu duschen

Und ganz unmittelbar erlebten die fünf Männer auch die Sorgen und Nöte der Betroffenen. Die Familie von Chris und Manuela wohnt seit der Flut beengt in einer kleinen Ferienwohnung in der Nähe. Ihre beiden Kinder wollten ihr Haus in Eicherscheid zuerst gar nicht betreten. Zu tief saß noch der Schock. Auch Duschen war für die Kinder am Anfang ein Problem. Da kamen bei ihnen sofort die Erinnerungen zurück an das Unwetter, den nicht aufhörenden Regen, die unglaublichen Wassermassen.

Manche der Betroffenen wollten den Helfern sogar Geld für ihre Arbeit geben – so schwer sind im Ahrtal Handwerker zu bekommen. „Das haben wir natürlich abgelehnt“, sagt Theiß. Nur eine geschenkte Flasche Wein oder ein Bier und einmal eine Einladung zum Grillen – das war alles, was die Helfer angenommen haben. Geschlafen haben die Fünf in einem Hotel in der Nähe von Schuld. Wegen der Corona-Pandemie hatte der Besitzer es schon lange vor der Flut zugemacht. An die Helfer, die sonst keine Unterkunft in der Nähe finden würden, vergibt er Zimmer. Die danken es ihm mit einer Spende.

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Die Helfer mit der Familie von Manuela und Chris aus Eicherscheid.

Viel gelernt im „Bildungsurlaub“

Die Bilanz nach sechs Tagen Arbeit: drei Häuser mit neuen Hauptverteilungen sowie Strom, Netzwerk und Antenne ausgerüstet, 20 Heizgeräte übergeben und zwei Baustromverteilerkästen installiert. Und gelernt haben die fünf Helfer in ihrem „Bildungsurlaub“ auch viel; darüber wie schnell man in Not geraten kann, über die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Menschen im Ahrtal untereinander und auch die große Dankbarkeit der Betroffenen. „Wenn da einem gestandenen Familienvater die Tränen kommen, weil man ihm zwei Rollen Kabel und einen Heizlüfter in die Hand drückt, den er dringend braucht – das ist schon bewegend“, sagt Theiß.

Zurück ging es für Lukas Gerlach, Markus Herr, Jan-Simon Schmidt, Julian Wagner und Mario Theiß am Sonntagmorgen – nach 70 Stunden hartem Einsatz. Müde von der vielen Arbeit, aber glücklich darüber, wenigstens einigen Betroffenen unmittelbar geholfen zu haben.

„Eins steht für uns schon fest“, sagt Mario Theiß: „Nächstes Jahr fahren wir noch mal hin.“


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